Lothar Ibrügger u. Imina mit Ernst-Wilhelm Rahe, Inge Howe und Dr. Christoph Zöpel - Foto: Carsten Korfesmeyer Lothar Ibrügger nach 33 Jahren aus dem Bundestag ausgeschieden / "Die Kriegsgeneration hat mich geprägt"
Minden. Am 12. Dezember 2005 rief Lothar Ibrügger Landrat Dr. Ralf Niermann an. Niermann leitete damals in der Brandenburger Staatskanzlei das Referat für politische Koordinierung der Innen- und Justizpolitik. Ibrügger schlug ihm vor, sich 2007 im Mühlenkreis zur Wahl des Landrats zu stellen. "Du bist die wichtigste Person in meinem politischen Leben", sagte Niermann am Samstag bei der Verabschiedung Ibrüggers im Mindener Preußen-Museum. "Dafür werde ich Dir immer dankbar sein."
Auch bei Achim Post hat Lothar Ibrügger Eindruck hinterlassen. Post lernte Ibrügger 1976 kennen, als er mit 16 Jahren in die SPD eintrat. Ibrügger war in dem Jahr zum ersten Mal in den Bundestag gewählt worden. "Mir als 16-Jährigem kam Lothar Ibrügger damals recht alt vor", erzählt Post und schmunzelt, denn Ibrügger war mit 32 Jahren damals selbst noch ein junger Mann. "Doch er hat uns Jugendliche tatkräftig unterstützt bei der Selbstverwaltung des Jugendzentrums in Espelkamp", erzählt Post. Auch bei der diesjährigen Bundestagswahl habe ihn Ibrügger "grandios unterstützt"
Auch wenn sich Ibrüggers politische Ämter in Berlin häuften, blieb er immer ansprechbar für die Sorgen und Nöte der Menschen im Kreis Minden-Lübbecke (die NW berichtete gestern). Einige Briefe der Bürger hob er auf und schrieb den Verfassern nach Jahren noch einmal, wenn sich ihre Anfrage betreffend etwas getan hatte. "Und sie bekamen keinen Brief, sondern ein Kompendium", scherzt Professor Christoph Zöpel, ehemaliger Staatsminister, politischer Weggefährte und Schulkamerad Ibrüggers. "Du bist für mich der Wahlkreisabgeordnete im besten Sinne gewesen", sagte Niermann, "jederzeit ansprechbar, und du hast Antworten gegeben." Nach Wolfgang Schäuble war Lothar Ibrügger der dienstälteste Abgeordnete im Bundestag, erlebte die Bundeskanzler Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel.
Neun Mal hat er den Wahlkreis Minden-Lübbecke direkt gewonnen. Bei der Bundestagswahl in diesem Jahr ist er nicht mehr angetreten. "Man muss loslassen und abschließen können", zitierte ihn SPD-Landtagsabgeordnete Inge Howe.
In seiner Abschieds-Rede zählte Lothar Ibrügger die alten Sozialdemokraten auf, die ihn geprägt haben: Willy Brandts Leitsatz, Frieden zu schaffen nach innen und nach außen, wurde auch Ibrüggers Ziel, wenn er sich zum Beispiel im NATO-Parlament mit den Rüstungsausgaben und einer besseren Kontrolle der Waffen beschäftigte.
"Ich erinnere mich an ein unvergessliches Gespräch mit Herbert Wehner (ehem. SPD-Vorsitzender, Anm. d. Redaktion), als er mir einmal anderthalb Stunden lang von der ersten Formierung einer sozialdemokratischen Fraktion im Europa-Parlament 1954 erzählte." Die ehemaligen Kriegsgegner Deutschland und Frankreich hätten zum ersten Mal zusammengearbeitet. Damals habe Wehner die Initiative ergriffen, die Sitzordnung im Parlament erstmalig nicht nach Nationalitäten, sondern nach politischen Fraktionen zu regeln. Für Ibrügger ein großer Moment der Geschichte.
Er habe eine große Achtung vor den Jahrgängen 1940 und älter, die ihre Jugend im Krieg verloren haben, vor der Angst, die sie erlebt haben. "Diese Generation von Sozialdemokraten haben mich und mein Leben geprägt." Ibrügger selbst wurde an Weihnachten 1944 geboren.
Mit Blick auf den heutigen Umgang der Politiker miteinander wünscht sich Ibrügger mehr Fairness und Respekt. Schon Kurt Schumacher habe es eine "Kriegskunst" genannt, den anderen möglichst klein zu machen. Statt dessen solle man lieber in der Sache debattieren. "Ich würde die Veranstaltung heute keinen Abschied nennen, sondern ein Dankeschön", sagte Niermann. "Du wirst auch künftig ein Ohr für die Menschen im Mühlenkreis haben, Lothar."
Für seine drei Berliner Büromitarbeiterinnen Ines Krolik, Anja Fleischhauer und Kathrin Kahlbaum war es ein trauriger Abschied. "So einen Chef werden wir nie wieder bekommen", sagte Fleischhauer.
Quelle: NW vom 01.12.2009