Erzieherinnen klagen Landtagsabgeordneter Inge Howe ihr Leid / "Novellierung von Kibiz dringend vonnöten"
Minden (mt). Zu große Gruppen, zu wenig Betreuer, zu viel Bürokratie - die Kritik am Kinderbildungsgesetz Kibiz reißt nicht ab. In einer Diskussionsrunde, zu der die heimische SPD-Landtagsabgeordnete Inge Howe eingeladen war, machten Mindener und Portaner Erzieherinnen und Leiterinnen ihrem Ärger Luft.
Die Aufgaben der Fachkräfte sind vielfältig. Nicht immer bleibt Zeit für Einzelne.
In den Einrichtungen herrsche große Verunsicherung, da sich die Arbeitsbedingungen deutlich zum Nachteil der Kinder verschlechtert hätten, so das Resümee der Fachkräfte, die sich zu einem Arbeitskreis "Rechtes Weserufer" zusammengeschlossen haben. Die Öffnungszeiten seien zwar verlängert, aber mehr Personal nicht eingestellt worden. Hinzu komme, dass Eltern ihr Buchungskontingent von 25, 35 beziehungsweise 45 Stunden öfter überzögen, indem sie die Öffnungszeiten der Einrichtung voll ausnutzten. Dadurch komme es zu bestimmten Zeiten immer wieder zu Engpässen, da zu viele Kinder in den Einrichtungen seien.
"Bildung" wird groß geschrieben. Doch für manches fehlt das Personal.
"Wir betreuen 55 Kinder über Mittag in fünf Gruppen", klagte eine Erzieherin. "Da kann man sich nur sehr schwer einzelnen Kindern widmen". Das führe wiederum dazu, dass andere Eltern verunsichert seien, weil sie nicht mehr wüssten, ob ihr Kind in der Einrichtung auch wirklich gut aufgehoben sei. Ein unausgeglichenes Klima unter den Erzieherinnen übertrüge sich auch auf die Psyche der Kinder, bedauerten die Fachkräfte. "Wenn ein Kind früh erfährt, dass zu wenig Zeit für eine individuelle Zuwendung bleibt, ist die Gefahr, dass es später in der Schule unausgeglichenen ist", klagten die Erzieherinnen.
Durch die ständigen Anspannungen sei der Krankenstand der Erzieherinnen während der zurückliegenden Jahre um rund ein Drittel gestiegen. Vertretungskräfte fänden sich jedoch sehr schwer, da das Berufsbild in der Gesellschaft leider sehr unattraktiv sei. "Wir müssen neben unserer eigentlichen pädagogischen Arbeit am Kind sämtliche hauswirtschaftliche Arbeiten verrichten", bedauerte Renate Riechmann-Gäbler, Leiterin der Kindertagesstätte Meißen. Zu alledem sei die Bezahlung dem Erziehungsauftrag nicht angemessen.
Zu weiteren Verunsicherungen komme es, da die Arbeitszeiten der einzelnen Mitarbeiterinnen immer wieder neu definiert werden müssten. Das führe dazu, dass oft nicht klar sei, wann und wie Arbeitsverträge verlängert würden. "Uns fehlen daher jegliche Handlungsmöglichkeiten", bedauert Renate Riechmann-Gäbler.
Kritisiert wurde zudem, dass die Vorbereitungszeit von 20 auf zehn Prozent gesenkt wurde. Neue Dinge könnten daher kaum noch in Angriff genommen werden, da schlicht weg die Zeit fehle. Stattdessen müsse alles im "Hauruckverfahren" durchgezogen werden. Für Bildungsarbeit am Kind, was ja das eigentliche Ziel des Kinderbildungsgesetzes sei, brauche man jedoch Zeit, betonten die Erzieherinnen. "Wir möchten fachlich gut arbeiten, aber das Kibiz bietet uns dazu leider nicht die entsprechenden Rahmenbedingungen", so die Erzieherinnen.
Missstände erkennen und beseitigen
Es sei wichtig in einem ständigen Dialog miteinander zu bleiben, denn nur so könnten Missstände erkannt und beseitigt werden, meinte Inge Howe, die sich die Klagen der Frauen geduldig angehört und etliche Notizen gemacht hatte. "Ich bietet ihnen deshalb an, dass wir uns regelmäßig zu einem Gesprächskreis treffen.
Die SPD habe bereits erkannt, dass Kibiz einer gründlichen Novellierung bedürfe. "Ich werde ihre Ängste und Sorgen weiterleiten", versprach die Sozialdemokratin. Das Thema Bildung habe Priorität. Die Ministerin habe bereits gesagt, dass rund 250 Millionen Euro in die Bildung - davon rund 100 Millionen Euro in die Verbesserung des Kibiz - fließen solle. In diesem Zusammenhang sei ein kostenloses drittes Kindergartenjahr angedacht. "Wir wollen, dass alle Kinder vor der Schule für mindestens ein Jahr einen Kindergarten besucht haben."
Bildunterschrift: Die heimische Landtagsabgeordnete Inge Howe (l.) hörte sich die Sorgen und Nöte der Erzieherinnen an.
Die heimische Landtagsabgeordnete Inge Howe (l.) hörte sich die Sorgen und Nöte der Erzieherinnen an. | Foto: Alexander Lehn
Quelle: Mindener Tageblatt vom 15.01.2010